Vergesellschaftungsprozesse – Bourdieu’s soziale Struktur im Gabentausch
Sahlins richtet sein Augenmerk auf den Zusammenhang von sozialer Ordnung (bzw. sozialer Struktur) und Gabentausch. Bourdieu betrachtet dagegen den Austausch von Herausforderungen bzw. Geschenken unter der Perspektive der sozialen Praxis.
Der Austausch von Herausforderungen bzw. Geschenken vollzieht sich gemäß Bourdieu immer nach bestimmten Regeln, ist situationsabhängig zu betrachten und schließt natürlich auch Aushandlungsprozesse nicht aus. Eine Austauschbeziehung ist in der sozialen Praxis somit immer komplexer, als in der Theorie und umfasst zwei Ebenen.
Als klassischer Strukturfunktionalist betrachtet Sahlins diesen Sachverhalt sehr theoretisch und beschränkt sich fast ausschließlich auf den Zusammenhang des Austausches und der sozialen Struktur. Auch Bourdieu beschreibt explizit nur eine Ebene, nämlich die der sozialen Praxis. Der große Vorteil bei Bourdieu allerdings liegt darin, dass sich die soziale Struktur förmlich aus der sozialen Praxis ableiten lässt.
Eine Austauschbeziehung findet in der sozialen Praxis immer auf zwei Ebenen gleichzeitig statt. Auf der Ebene des Interesses, die uneingestanden bleibt, und auf der Ebene der Ehre, die proklamiert wird.[1] Bourdieu beschreibt die Ebene der Ehre sehr genau, woraus sich natürlich auch die theoretische Grundlage einer Austauschbeziehung erschließt.[2]
Diese zweite Ebene wird nun von Interesse, wenn man bedenkt, dass ein Austausch von Gaben auch immer ein Austausch von Herausforderungen, Beleidigungen oder gar ein Schlagabtausch bedeuten kann. In diesem Zusammenhang gewinnt der Terminus der Ehre natürlich an besonderem Pathos, welches sich in der sozialen Praxis offenbart. Die Wahrung der Interessen ist hier von entscheidender Bedeutung. Sahlins beschreibt dies nur theoretisch, wobei die Wichtigkeit der Interessenwahrung in einer Austauschbeziehung ein Stück weit verloren geht.
Um eine Interessenbewahrung zu gewährleisten bedarf es eines komplexen Systems aus Regeln, welches situationsbedingtes Handeln ermöglicht und auch zu Aushandlungsprozessen führen kann. Um eine Entehrung zu vermeiden, ist ein Regelgeflecht unabdingbar. In diesem ist eindeutig festgelegt, was zur Ehre und was zur Unehre führt. Ein Mann darf etwa keine Herausforderung annehmen, wenn der Herausforderer selbst keine Ehre besitzt. Auch eine Herausforderung an einem Unterlegenen würde zu Unehre führen.[3]
Natürlich sind dies situationsbedingte Handlungen, die auch einer solchen Entscheidung bedürfen. Ein Mann muss sich entscheiden dürfen, ob er eine Herausforderung annimmt oder nicht, denn auch die Annahme eine Herausforderung von beispielsweise einem Unterlegenen, kann zur Entehrung führen.
Auch geht mit einem Austausch in der sozialen Praxis in den meisten Fällen ein Aushandlungsprozess einher, der sich nach bestimmten, situationsabhängigen Regeln vollzieht. In einem Punkt beschreibt Bourdieu zum Beispiel, wie man bei bestimmten Feierlichkeiten einen Maximalwert für die Geschenke im vornherein festlegt, um zu verhindern, dass sich jemand über die Maßen ruiniert, nur mit der Absicht der „Ehrenhafteste“ sein zu wollen.[4]
Dies verlangt auch nach einem Verhältnis sozialer Kontrolle, welches über das hinausgeht, was Sahlins beschreibt. Beim „Reciprocity“ ist es der jeweilige Geber und beim „pooling“ ist es der Verteiler.[5] Diese Verteilung bezieht allerdings nicht den Faktor der Ehre mit ein und verfehlt somit auch in der Theorie seine Gültigkeit innerhalb der sozialen Praxis. Bei Bourdieu wird die soziale Kontrolle weitestgehend durch die öffentliche Meinung bestimmt. Die Ehrenverpflichtung oder auch Interessenwahrung bleibt anders als der Gabentausch bei Sahlins unausgesprochen und geheim.
Bourdieu gewinnt vor allem damit, dass er, im Gegensatz zu Sahlins, den Austausch als eine zwischenmenschliche Angelegenheit betrachtet und ihn nicht nur auf das strukturelle Interesse reduziert.
Die Bewahrung der Ehre ist in Gesellschaften bedeutender, als das Interesse an dem Tausch an sich. Durch die Betrachtung der sozialen Praxis, gelingt es Bourdieu ein objektiveres Bild einer Austauschbeziehung aufzubauen. Die theoretische Struktur einer Austauschbeziehung erschließt gemäß Bourdieu aus der sozialen Praxis.
Literaturverzeichnis
Sahlins, Marschall, D. 1965. On the Sociology of Primitive Exchange. In The Relevance of Models for Social Anthropology, hrsg. von Banton, Michael. London: Tavistock. 139-187.
Pierre Bourdieu, Ehre und Ehrgefühl, S.11-47. in: Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis. Frankfurt am Main 1976.
[1] Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis. Paris 1960, S.46.
[2] Das Interesse an einer Austauschbeziehung wird sozusagen voraus gesetzt.
[3] Bourdieu, Pierre: Ehre und Ehrgefühl, S.24; in: Bourdieu Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis. Paris 1960.
[4] Ebd., S.29.
[5] Sahlins, Marshall D.: On the Sociology of Primitive Exchange. D. 1965, S.141; S.147f; in: A.S.A. Monographs I, hrsg. von Banton Michael, 1965.
Tags: Sahlins, Sahlins Gabentausch, soziale Kontrolle

