Vergesellschaftungsprozesse James Scotts Diskussion der „hidden“ and „public transcripts“

Beziehen sie die Unterscheidung von Taktiken und Strategien bei de Certeau auf James Scotts Diskussion der „hidden“ and „public transcripts“. Wann geht ein Widerstand von Taktik in Strategie über? Inwiefern geht Scott über Elias hinaus?

Certeau und Scotts beschreiben in ihren Texten Vergesellschaftungsprozesse, die aus dem Widerstand hervor gehen können und vor allem in einen Widerstand führen. Beide erörtern diesen Punkt, allerdings auf unterschiedlichen Ebenen. Aus diesem Grund unterscheidet Certeau zwischen Taktik und Strategie und Scotts zwischen hidden und public transcripts, obwohl sie beide von Transkriptionen sprechen. Scotts bezeichnet diese nun explizit als transcripts und erörtert an präzisen Beispielen aus der Gesellschaft. Die Argumentationsweise von Certeau hingegen behandelt den Sachverhalt auf soziolinguistischer Basis anhand der Begriffe Taktik und Strategie. In den beiden Formen des Sprachgebrauches liegen für ihn 2 Handlungslogiken verborgen, die entweder taktischer oder strategischer Natur sind (die taktische und die strategische Handlungsweise).[1]

Certeau unterscheidet nun Taktik von Strategie, indem er der Strategie einen Ort zuschreibt und somit etwas „Eigenes“ und der Taktik nicht. Dieses „Eigene“ macht die Strategie unabhängig von der Zeit und gibt ihr eine Basis, von wo aus sie gegen eine, durch das „Eigene“, etablierte Außenwelt agieren kann. Die Taktik ist ohne Ort, ohne „Eigenes“ und somit auch abhängig von der Zeit. Sie hat nur den Ort des anderen indem sie aufgehen und höchstens teilweise eindringen kann. Ohne sich auf eine Basis beziehen zu können, bleibt ihr nur der Ort des Anderen und das Erhaschen des Augenblicks. Eine Kapitalisierung ihrer Gewinne ist folglich durch diese Schnelllebigkeit auch nicht möglich.[2]

Das hidden transcript vollzieht sich im Verborgenden. Dem gegenüber spielt sich das public transcript in der Öffentlichkeit ab. Auch bei der Diskussion über die hidden und public transcripts, geht es um die Zuschreibung von einem Ort und folglich von etwas „Eigenem“. Das hidden transcript ist hierbei das, welches keinen Ort besitzt und nur im anderen existiert. Es kann nur im Verborgenden agieren und ist abhängig von der Zeit. Das public transcript dagegen besitzt dieses „Eigene“ und hat somit auch eine Basis, von wo aus sie agieren kann. Als Beispiel ist das Verhältnis zwischen einen Sklaven und seinen Herrn sehr dienlich. Als hidden transcript versteht sich hier die Gesprächsebene der Untergebenen. Dieses tritt nie offen und vor dem Herrn zu Tage. Nur im Schutze.

Gleichgestellter gelangt das hidden transcript zur Verbreitung. In diesem tritt der Wunsch nach Triumph und nach Revange, in Form eines versteckt (hidden) verbreiteten Widerstands, hervor. Das public transcript wiederum, kann den Herrschenden zugeordnet werden. Diese sind Inhaber eines Ortes und können den Diskurs offen führen.

Man kann also die Taktik zu den Unterdrückten und Inhabern des hidden transcripts zu ordnen und die Strategie zu den Herrschenden und Inhabern des public transcripts. Die Sklaven besitzen keinen Ort, sondern existieren nur im Ort ihrer Herren.

Ein Widerstand geht nun von Taktik in Strategie über, wenn die Unterdrückten ihr hidden transcript anfangen publik zu machen und es somit öffentlich verbreiten. Wenn die Taktik anfängt nicht nur in den Ort (Raum) der Strategie einzudringen, sondern selbst einen Ort bildet, dann wird Taktik zu Strategie. Das „Eigene“, welches sich über einen Ort definiert, schafft die Basis für den Widerstand und die Voraussetzung für einen Übergang in einen.

Scotts diskutiert dies an dem Beispiel der Mrs. Poyer, die in Form einer Klageschrift das hidden transcript, für die Inhaber des public transcripts, übersetzt.[3] Sie spricht für alle Inhaber des hidden transcripts und verbreitet in ihrem Namen, die Meinung aller Unterdrückten. In diesem Moment bilden sie selbst einen Ort und verlassen den der Anderen. Sie solidarisieren sich zu einer Einheit und machen ihre Sache (hidden transcript) publik. Ein gutes Beispiel dafür ist Mahatma Gandhi: Er vertrat das hidden transcript von über 650 Millionen Indern und machte es öffentlich. Folglich ist nicht nur eine Solidarisierung nötig, sondern auch eine Persönlichkeit, der ihr hidden transcript vertritt.

An diesem Punkt geht Scott über Elias hinaus. Er schreibt dem Individuum entschieden mehr Bedeutung zu. Die Macht eines Individuums wie zum Beispiel Mahatma Gandhi oder Mrs. Poyer, kann eine Gesellschaft und ein Gesellschaftsspiel nachhaltig beeinflussen. Wenn sie es zum Beispiel schaffen würden „a collektive culture product“[4] zu erreichen, wie sich Scotts ausdrückt, ist nicht nur ein Umsturz, sondern vielmehr eine Umwälzung von gesellschaftlichen und moralischen Wertvorstellungen möglich. Das heißt, dass ein Individuum dazu in der Lage ist Gesellschaftsprozesse zu beeinflussen, auf das sie sich auf sein zutun hin verändern. Nicht Gruppen sorgen für eine Dynamik in gesellschaftlichen Prozessen, viel mehr die Gruppenführer sind es, die die Veränderungen bringen. Elias dagegen beschreibt seine Gesellschaftsspielmodelle gänzlich unabhängig vom Individuum und lässt dabei die Dynamik die ein Individuum auf  solche Prozesse ausüben kann gänzlich außer betracht.

Literaturverzeichnis

De Certeau, M. (1988). Die Kunst des Handelns. Berlin, Merve. S.21-26 („Taktiken von Praktikern“).

Elias, Norbert. 1970. Spiel-Modelle. In Elias, Norbert: Was ist Soziologie? München: Juventa Verlag, 75-145.

Scott, J. C. (1990). Domination and the Arts of Resistance. Hidden Transcripts. New Haven, Yale University Press. 1-16.


[1] De Certeau, M. (1988). Die Kunst des Handelns. Berlin, Merve. S.25.

[2] Ebd., S.23.

[3] Scott, J. C. (1990). Domination and the Arts of Resistance. Hidden Transcripts. New Haven, Yale University Press. S.7.

[4] Ebd., S.9.

Share and Enjoy:
  • Print
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks
  • blogmarks
  • Blogosphere News
  • MisterWong
  • MySpace
  • PDF
  • RSS
  • Upnews
  • Webnews.de
  • Yigg

Tags: , , , , ,

Posted in Vergesellschaftungsprozesse.

Add a comment

No Replies

Feel free to leave a reply using the form below!


Leave a Reply