Der etablierte Begriffsrahmen formt unsere Wirklichkeit, Teil 4
Die Konstruktion der Vergangenheit vollzieht sich durch bestimmte Begriffsrahmen. Diese spiegeln nicht die gesamte Wahrheit nieder, sondern zeigen uns lediglich die „Brille“, durch die der Verfasser die Wirklichkeit wahrgenommen hat. Beobachtungen und auch Tatsachenerkenntnisse über die Wirklichkeit haben daher immer einen interpretativen Charakter. Allgemein ist dies auch als „wissenschaftlicher Realismus“ bekannt. Man kann die Wirklichkeit niemals direkt wahrnehmen, sondern nur, dank bestimmter Beschreibungen. Die Wirklichkeit liegt im Auge des Betrachters.
„Dass wir die Wirklichkeit nicht finden, sondern erfinden, ist für viele Menschen schockierend. Und das schockierende daran ist, dass wir – nach der Auffassung des Radikalen Konstruktivismus – von der Wirklichkeit (wenn es die überhaupt gibt) immer nur wissen können, was sie nicht ist. Im Zusammenbrechen unserer Wirklichkeitskonstruktionen erst erfahren wir, dass die Welt so nicht ist.“ (Paul Watzlawik)
In der Geschichtsforschung lässt dies die Annahme von der Austauschbarkeit des Subjekts nicht zu (Siehe Teil 2). Wenn davon auszugehen ist, dass die Erkenntnis einzig und allein durch unsere Sinne erlangt werden kann, heißt es nicht, dass diese uns als Spiegel der Wirklichkeit dienen. Diese geschichtstheoretischen Probleme stellen jeden Historiker vor die große Aufgabe der Wahrung von Objektivität und Distanz. Auch Historiker bewegen sich in der Sprache und in einer bestimmten Begriffswelt. Der Historiker, der herausfinden möchte, wie sich die Geschichte wirklich darstellte, muss die “Quelle als Engagement der Subjektivität” (Chris Lorenz) sehen und er muss die Distanz als Quelle der Objektivität betrachten. Er bearbeitet Konstruktionen und muss diese auch als Konstruktionen erkennen. Er muss sich darüber im Klaren sein, dass die Sprache niemals einen Spiegel der Wirklichkeit darstellt, sondern immer eine bestimmte „Brille“, ein bestimmtes Raster verkörpert. Für den Historiker stellt sich Kultur meist in Form von Text (Quelle) dar und die Sprache ist oftmals sein einziger Zeuge. Die Vergangenheit präsentiert sich für den Historiker immer als Konstruktion. Eine Konstruktion der vergangenen Wirklichkeit. Die Geschichte ist vergangene, „gewesene“ Wirklichkeit und lässt sich nur durch eine von uns konstruierte Begriffswelt erfassen.
Literaturverzeichnis
Chris Lorenz, Die Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln-Weimar-Wien 1997, S. 17-57
Lexikon der Philosophie (stand: 2005):
URL: http://www.phillex.de/empirism.htm
Woxikon (Stand 2007):
URL: http://www.woxikon.de/wort/Konstruktion.php
Tags: Begriffsrahmen, Chris Lorenz, Konstruktion der Geschichte durch Sprache, Konstruktionen, Wirklichkeit, wissenschaftlicher Realismus


ein sehr interessanter beitrag. ich interessiere mich brennend dafür und würde daher gerne wissen wo ich theoretische grundlagen dazu finden kann bzw auf basis welcher literatur dieser beitrag geschrieben wurde. kurzum, ich fände es klasse wenn der beitrag fußnoten oder zumindest ein literaturverzeichnis hätte.
das soll aber keine kritik sein, denn der inhalt ist echt klasse, sondern nur als wunsch verstanden werden. über eine baldige antwort diesbezüglich würde ich mich freuen!
lg niko
Vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass dich das Thema interessiert. Ich habe an den 4. Teil nun auch ein Literaturverzeichnis „rangehängt“. Einige Literatur Hinweise sind allerdings bereits als Links angegeben (siehe Chris Lorenz und E.H.Carr).
Die Fußnoten habe ich extra raus genommen, weil ich dachte, dass würde den Beitrag vielleicht zu kompliziert machen. Tja,.. So kann es laufen
. Also Besten Dank noch mal. Mehr dann später auf dieser Bühne!
Könntest du die fußnoten nicht wieder reinstellen?
Oder vielleicht alle kopieren und in einem weiteren kommentar hier auflisten? Das würde mir schon erstmal weiterhelfen glaube ich.
Ich wünschte wirklich ich könnte einige Sätze aus deinem Text zitieren, aber ich fürchte, dass diese Seite in ihrer jetzigen Form nicht zitierfähig ist.
Bücher kommen beim Prof eben besser an. Es fehlt mir allerdings leider die Zeit um mich vertiefend damit auseinanderzusetzen (auch wenn ich das gerne täte).
Das Buch von Lorenz ist bei uns in der unibib leider momentan entliehen und daher hatte ich gehofft, dass du vllt noch andere quellen benutzt hast?!? (seitenangaben?)
danke auf jeden fall für deine hilfe!
Das fällt mir dazu ein: “Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, unterliegt per difinitionem den Regeln unserer Logik, denn sie ist nichts anderes als eine unfassbare Wirklichkeit, die den Filter unserer geistigen Architektur durchläuft.” (Claude Lévi-Strauss)