Konstruktion der Geschichte durch Sprache, Teil 1

Ein wichtiger Punkt, mit dem sich Historiker auseinander setzen müssen, wenn sie sich mit Geschichtstheorie beschäftigen ist, dass die Geschichte immer eine Konstruktion darstellt, die durch unsere Sprach- und Begriffswelt zustande kommt. Wir nehmen die Welt größtenteils durch Sprache wahr oder besser gesagt durch unseren „begrifflichen“ Rahmen. Wir konstruieren uns eine/unsere Wirklichkeit und damit auch die Vergangenheit als eine gewissermaßen „gewesene Wirklichkeit“. Was ist also eine Konstruktion und was macht eine Konstruktion der Geschichte zu einer Konstruktion der Geschichte durch Sprache?

Die Vergangenheit ist eine Konstruktion die durch Sprache in Form unserer Begriffe zustande kommt. Die Konstruktion der Vergangenheit hat folglich mit der Auffassung von Wahrheit und Wirklichkeit zutun. Diese Aussage widerspricht allerdings der Auffassung klassischer Empiristen. Diese sehen die Sprache als Spiegel der Wirklichkeit an. Alles das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist für sie Wirklichkeit. Der Empirismus ist eine erkenntnistheoretische „Schule“, welche im Gegensatz zum Rationalismus und zum Skeptizismus behauptet, dass alles Wissen über die Wirklichkeit aus der Sinnes Erfahrung stammt. Er leitet sich vom griechischen Begriff emperiria ab, was soviel bedeutet wie Erfahrung (Lexikon der Philosophie 2005). Der menschliche Geist gleicht dem Empirismus folgend einer lehren Tafel (tabula rasa), die mit Hilfe der Sinne von der Wirklichkeit beschrieben wird.
Werden wir also erst „beschrieben“? Doch selbst wenn, formt nicht unserer Sprache auch unsere Sinneswahrnehmung? Wittgenstein beispielsweise behauptete, dass nichts außerhalb unserer Sprache existiert.

Ein Kernproblem der Geschichtstheorie besteht nun in der Frage: Wie wahr ist die Wirklichkeit? Man erlangte zu der Erkenntnis, dass es in der Geschichte keine universelle Wahrheit und auch keine universelle Wirklichkeit geben kann. Beispielsweise nehmen wir Geschichte immer über bestimmte Quellen wahr, welche in der Regel bereits vor interpretiert und „übersetzt“ sind (Chris Lorenz), übersetzt in unsere und vor allem in die Sprache des Übersetzers. Es ist somit eine vom Übersetzer (Historiker) entworfene Konstruktion der Wirklichkeit und folglich auch eine konstruierte Wahrheit.

Für den Historiker bedeutet dies, dass er mit Konstruktionen arbeitet. Er selbst entwirft keine neue Konstruktion, vielmehr schafft er eine Konstruktion einer Konstruktion, gewissermaßen eine Rekonstruktion eines Ereignisses.

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